Reise an die Ostküste – Teil 4: Im Busch

In einem abgelegen Dorf ausserhalb von Vavatenina leitet Jelimis, eine Mitarbeiterin von Kings Kinds (ein Arbeitszweig von YWAM) einen Kinderclub. Das war das nächste Ziel unserer Reise. So machten wir uns nach dem erholsamen Hotelaufenthalt in Foulpointe auf den Weg in den Busch.

Bis Vavatenina waren es nochmals etwas über 70 km auf einer löchrigen und kurvigen Teerstrasse. Zuerst ging die Fahrt der Küste entlang und später ging es ins hügelige Landesinnere. Auch auf diesem Abschnitt hatte es teilweise mehr Löcher als Strasse und grosse Pfützen. Nicht selten sieht man Enten, die in diesen Tümpeln schwimmen.

Enten auf der Strasse

Die Reise verlief ohne Probleme und so waren wir planmässig am frühen Nachmittag in Vavatenina. Dort trafen wir Jelimis. Sie hatte zehn Helfer plus ein paar Kinder organisiert, welche uns beim Tragen von unserem Gepäck helfen sollten.

Unterwegs auf der Nationalstrasse

Da die Strasse zur Zeit in einem relativ guten Zustand ist und Martin die Grenzen unseres 4×4-Autos ausprobieren wollte, beschlossen wir, dass wir es probieren mit den Autos die sieben Kilometer bis ins Dorf zu fahren. Damit die Träger nicht wieder zwei Stunden zurück ins Dorf laufen mussten, luden wir alle in unsere zwei Autos. Aus Platzgründen verfrachteten wir Irina in den Kofferraum zwischen das Gepäck, setzten Elio bei Mami auf dem Beifahrersitz auf den Schoss, queschten Laura zwischen den Fahrersitz und den Beifahrersitz und 5 weitere Personen drängten sich auf dem Rücksitz. In Schärers Auto sah es ähnlich aus. Die beiden Autos waren nun auch für madagassische Verhältnisse gut gefüllt. So machten wir uns auf den Weg den Hügel hinauf.

Die Strasse war holprig aber grösstenteils trocken. Dank dem 4×4-Antrieb kamen wir gut voran. Ab und zu gab es Schwellen, welche von der Höhe her an der Grenze für unser Autos waren. Dann mussten wir aussteigen und ein paar Steine aufschichten. Wenn es eine Stelle mit vielen tiefen Furchen war, liefen zwei der einheimischen Helfer vor den Autos her um zu sehen, wo man am besten fahren kann. An einigen Stellen kamen wir schon nahe ans Limit und es brauchte eine gute Fahrtechnik. Mit ein paar Kratzern am Unterboden erreichten wir schlussendlich nach etwas mehr als einer Stunde das Dorf.

Im Dorf wurden wir wie Könige empfangen. Das halbe Dorf war da und staunte über die Weissen mit ihren Autos. Aus Sicherheitsgründen mussten die Autos im Vorhof von Jelimis Grundstück parkiert werden. Dazu musste der Zaun abmontiert werden. Mit viel Geduld und Geschick parkten Martin und Marcel die Autos dann rückwärts im engen Hof. Es passte genau. Wichtig beim Parkieren war zudem, dass er Steinaltar auf dem Vorplatz ja nicht berührt werden durfte. Das ist ein Opferaltar für Götter und ist den Eltern von Jelimis heilig. Auch die Kinder wurden instruiert, dass man diesen Altar keinesfalls berühren darf. Falls das jemand trotzdem tun würde, kostet das mindestens eine Kuh als Wiedergutmachung für die Götter. Dieser Altar beschäftigte uns. Vor allem Laura sagte, dass er ihr ein sehr ungutes Gefühl gibt. Wir haben dann als Gruppe gebetet und uns unter Gottes Schutz gestellt.

Jelimis und ihre Familie

Die Familie von Jelimis lebt, wie die meisten Leute im Dorf, in Bambushütten. Die Eltern haben ein Haus aus Brettern mit einem Wellblechdach. Da diese Häuser bei einem Zyklon allerdings nur unzureichend Schutz bieten, war es ihr Wunsch, ein stabiles Haus zu haben. Jelimis konnte nach langem sparen nun ein Haus mit einem gemauerten Fundament und stabilen Holzwänden für sich bauen. Dieses Haus soll bei Stürmen Zuflucht für die ganze Verwandtschaft bieten. Es wurde am Tag vor unserer Ankunft fertig und so hatten wir die Ehre, als erste in diesem Haus zu übernachten. Es besteht aus zwei Räumen und einer Küche.

Hinter dem Haus hat es zwei kleine Hütten. In der einen befindet sich ein Plumpsklo. In der anderen hat es Wassereimer und eine Wäscheleine. Sie wird zum „Duschen“ genutzt. Das Wasser wird entweder aus dem Regenfass geholt oder im Dorf am öffentlichen Wasserhahn geholt. Es war sehr heiss im Busch und so waren wir sehr dankbar für die Möglichkeit uns zu waschen. Wir begnügten uns mit möglichst wenig Wasser. Kaum waren wir im Duschhaus, wurde uns extra viel Wasser gebracht. Für uns Vazaha (so nennt man hier die Weissen) war nur das Beste gut genug.

WC-Häuschen im Busch

Wir hatten uns darauf eingestellt, in den nächsten Tagen nur Reis und Bananen zu essen. Umso erstaunter waren wir, als uns am ersten Abend Pasta mit einer feinen Gemüsesauce serviert wurde! Gegessen wurde auf kleinen Hockern mit dem Teller auf den Knien. Nach dem Nachtessen wurden alle Hocker zusammengestellt, unsere Matratzen ausgelegt und die Moskitonetze aufgehängt. Es war beim Einschlafen immer noch über 30 Grad warm. Die laute Musik im Dorf machte das Einschlafen etwas schwierig. Martin wusste von seinem Helimissioneinsatz, dass dies in den Buschdörfern dazugehört und bis spät in die Nacht dauern kann. Gott sei Dank hatte Dorothee für alle Oropax dabei und so konnten wir doch relativ gut schlafen.

Der Samstagvormittag hatten wir zur freien Verfügung. Wir nutzten die Zeit als Familie und die Kinder lauschten den Geschichten von „Globi im Engadin“ (weil es dort so eng ist, heisst es das Tal Eng-adin 🙂 ). Da es sonnig und heiss war, hatten wir nicht so das Bedürfnis uns zu bewegen.

Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg zum Gelände des Clubs. Dort haben sie eine grössere Hütte für ihre Treffen und ein paar kleinere Hütten. Die Eingänge waren mit Pflanzen und Blumen schön geschmückt. Das ist hier üblich um Gäste zu begrüssen. Wir wurden mit fröhlichen Liedern begrüsst. Die Leiter und Kinder freuten sich sehr über unser Eintreffen.

Zum Mittagessen gab es Reis und sogar ein bisschen Fleisch dazu. Nach dem gemeinsamen Mittagessen kam ein Mann vorbei, welcher einen Bambuspfahl auf dem Sandplatz aufstellte. Für uns sah es aus wie ein Maibaum. Daran waren acht Seile befestigt. Er leitete die Kinder an, wie sie um den Pfahl tanzen müssen und dabei die Seile flechten. Es war lustig zu sehen, wie schwierig es ist, wenn alle zusammen sich nach der Vorgabe um den Pfahl bewegen müssen. Diese Art Tanz wird mit den Jugendlichen eingeübt und an offiziellen Anlässen aufgeführt. Unser Kinder durften es auch ausprobieren. Sie lernten es schnell. Ihr Vorteil war, dass sie schon ein paar Runden zuschauen konnten. Ausserdem merkt man auch den Unterschied an Bildung. Kinder in Madagaskar sind sich ein ganz anderes Lernsystem gewohnt, als wir es in der Schweiz haben. Das Bildungsnivau ist tief und in Situationen, wo es darum geht zuzuschauen und etwas umzusetzen, merkt man diesen Unterschied zwischen madagassischen und unseren Kindern deutlich.

Zum Abschluss des Kinderprogrammes verteilten wir dann unsere mitgebrachten Zahnbürsten und Zahnpasta. Unsere Kinder zeigten den Kindern, wie man die Zähne korrekt putzt. Das haben sie in der Schule in der Schweiz sehr gut geübt und sie konnten sehr genau erklären, wie man das richtig macht. Habt ihr schon mal mit 80 Leuten zusammen die Zähne geputzt? Wir hatten viel Spass miteinander 🙂 Die Kinder freuten sich sehr über das Geschenk und nahmen die Zahnbürsten stolz mit nach Hause.

Hier im Busch gibt es keine Spielsachen, so wie wir es uns gewohnt sind. Die Kinder fanden trotzdem immer etwas um sich zu beschäftigen. Sie helfen, den Reis zu schütteln und auszusortieren, sie jagen die Hühner oder sie beobachten die Tiere im Nachbargarten. Da unsere Kinder die kleinen Hühner so toll fanden, wollte man uns so ein Kücken zum Abschied schenken. Sie hätten sehr gerne einen Spielkameraden für unseren Hahn Fanomezana mitgenommen. Da wir aber noch mehrere Tage mit dem Auto unterwegs sein würden, lehnten wir das Geschenk freundlich und dankend ab.

Reis aussortieren

Am Sonntag besuchten wir den Gottesdienst in der nahe gelegenen Kirche. Es waren extra für uns ein paar Bankreihen ganz vorne reserviert worden. Sie freuten sich sehr über unseren Besuch. Wir wurden während dem Gottesdienst nach vorne gebeten, durften uns vorstellen und einen kurzen Input geben. Am Ende des Gottesdienstes wurde für uns gebetet.

Wenn jemand mit dem Auto kommt, ist das für die Leute immer eine Gelegenheit für einen Transport. So wurden wir gebeten 70kg Reis mit nach Vavatenina mitzunehmen und dort abzuliefern. Ein Sack voll Kohle und eine Matratze musste bis nach Tamatave. So waren unsere Autos auch bei der Abreise wieder ziemlich voll.

Jelimis Vater wünschte sich sehr, mal in einem Auto mitfahren zu dürfen. Diesen Wunsch wollten wir ihm nicht abschlagen und so boten wir ihm an, bis zum Dorfrand mitzufahren. Er liess sich nicht zweimal bitten und natürlich wollte der Rest der Verwandtschaft diese Gelegenheit ebenfalls nutzen und auch mitfahren. So liefen Dorothee und Silvana mit uns Kindern zu Fuss durchs Dorf und Martin und Marcel chauffierten die Verwandtschaft in den vollgestopften Autos.

Da es die letzten beiden Nächte viel geregnet hatte, waren wir etwas besorgt, wie wohl die Rückreise gehen würde. Aber Gott sei Dank war die Strasse auch diesmal gut passierbar und wir kamen ohne Zwischenfälle wieder in der Zivilisation an.

Wir sind sehr dankbar, dass wir diese drei Tage in Tanamarna verbringen durften. Danke für all die guten Gespräche und die Zeit, welche wir mit tollen Leuten haben konnten. Es war uns eine Ehre, dass wir für viele Leute beten durften und sie uns an einem Teil ihrer Sorgen und Nöte teilhaben liessen. Wir sind immer wieder tief beeindruckt, wie zufrieden die Leute hier sind, obwohl sie in ganz einfachen Verhältnissen leben. Wir können viel von ihnen lernen.